Corona-Chroniken Teil 2

Text: Anna Schrader (https://ephemerispermixtionis.wordpress.com)

Illustrationen: Manja Kläwer (StiftMarkerPapier)

Was Homeoffice mit Homeschooling zu tun hat

Zum Glück bekam auch mein Chef Ansteckungsangst und verbannte mich ins Home Office. Was früher nie gegangen wäre. Aus „Home Office? Unmöglich, ich brauche Sie vor Ort!“ wurde „hier ist Ihr PC für zu Hause, wenn Sie den VPN Tunnel aktiviert haben, rufen Sie mal durch und wir schauen, ob alles läuft.“ Von dem Tag an wurde mein Küchentisch zum Büro.  

Wir befinden uns in diesem Bericht noch in der Zeitrechnung „nach Schulschließung, vor den Osterferien“ und gleiten sanft über in den Zeitraum „die Osterferien.“ Aus den 20 Minuten Schularbeit pro Tag wurden 0 Minuten pro Tag. Die Kinder lernten eine völlig neue Fähigkeit:  Ausschlafen! 

Ich lernte auch eine völlig neue Fähigkeit: Den Grad der Verschmutzung meiner Küche komplett zu ignorieren und jeden Morgen Punkt 8 an meinem Küchentisch-Arbeitsplatz zu sitzen und die herrliche Ruhe zu genießen. Unglaublich, was ich in der Zeit alles geschafft habe! Ich habe alle Marketingaktionen für das zweite Halbjahr geplant, 7 oder 8 Mailings formuliert und an die Grafik weitergegeben, die Statistiken aller bisherigen Marketingaktionen vervollständigt und ausgewertet und nebenbei sogar lange liegengebliebene Fleißarbeiten wie Adresskorrekturen erledigt. 

Wenn gegen 11 die Kinder aufstanden, gönnte ich mir eine Tee-Pause.  

Ich stellte den Kindern die Müslischalen auf den Tisch und ging wieder an die Arbeit, sobald sich die Jungs in ihr nächstes Lego- oder Pokémon-Abenteuer zurückzogen.

Kurz dachte ich, so könnte es ruhig ewig weitergehen. Doch irgendwann waren die Osterferien zu Ende. Und je mehr Aufgaben über iServ eintrudelten, desto dramatischer kehrte der Hautausschlag des Großen zurück, zusammen mit meinem Tinnitus. Und mit jedem Tag wurden Home Office und Home Schooling weniger miteinander vereinbar. 

Selbst an dem Tag, als zufällig die Themen identisch waren – ich musste einen Artikel über Enzyme in der Verdauung Korrektur lesen und der Große musste eine Tabelle der Verdauungsenzyme und ihrer Aufgaben erstellen –  stellte ich fest, dass ich in 6 Stunden Home Office nicht mehr die Effizienz an den Tag legte, die ich in 6 Stunden richtiger Büroarbeit gehabt hätte. 

Ich weiß gar nicht, welches Kind mich aktuell mehr stresst: Der Fünftklässler, der mich oft bittet, ihm etwas zu erklären oder ihm beim Ausdrucken oder Einscannen zu helfen, oder der Zweitklässler, der die Arbeit einfach komplett verweigert. Die Grundschule macht ganz konkrete Tagespläne. 15 Minuten Grundschrift üben, 20 Minuten im Karibu-Heft, 20 Minuten im Mini Max, 15 Minuten Kopfrechnen mit dem Multiplikations-Fächer, 20 Minuten Anton App. 

Der junge Herr meint, wenn er die entsprechende Zeit mit  dem entsprechenden Arbeitsmittel in der Hand in die Luft guckt, sei die Aufgabe erfüllt. 

CDer Fünftklässer versucht es wenigstens, aber sieht auch nicht die Notwendigkeit, die Fragen in ganzen Sätzen zu beantworten. Die Aufgabenstellung „betrachte das Foto von Europa bei Nacht und finde eine Erklärung für die unterschiedliche Helligkeit in manchen Bereichen. Erkennst Du ein Muster?“ beantwortet er mit „Straßenlaternen.“ Reicht doch. Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss.